Ursula gleicht wenig ihren urdeutschen Namensvetterinnen vergangener Generationen. Sie erinnert eher an ein feenhaft
ätherisches Wesen: feingliedrig, schlank, sensibel, sanft, leise, bescheiden und immer im Hintergrund - das Ganze verpackt
in einer Seele, die zumindest zur Zeit noch von Angst beherrscht wird. Sie gehört zu den Hunden, die man unweigerlich in
den Arm nehmen muss, um sie vor all dem Bösen zu beschützen, das in der Welt auf sie lauert. Und leider hat Ursula davon
schon mehr als genug erlebt.
Die kleine Hündin wurde uns gebracht, nachdem man sie mitsamt ihren sieben Welpen ausgesetzt hatte. Ein Hund, so
überlebensfähig wie ein Baby in der Wildnis, alleingelassen mit einem Haufen kleiner, von ihr abhängiger Würmchen,
die die Augen noch kaum öffnen konnten. In solchen Augenblicken wünscht man sich, dass den Menschen, die Tieren so etwas antun,
genau dasselbe auch passieren möge. Ursula wusste sich kaum zu helfen, verkroch sich mit ihren Babys und lebte ein komplett
verängstigtes und immer hungerndes Schattendasein in dunklen Verstecken - bis man sie endlich fand und mitsamt ihren Welpen
einfangen konnte.
Mittlerweile sind ihre Kleinen alle gut vermittelt, nur Ursula wartet noch immer auf ein Zuhause. Da sie sehr schüchtern ist,
gelingt es ihr nicht, in einem Tierheimalltag mit 280 Hunden auf sich aufmerksam zu machen, wenn Interessenten kommen. Sie verkriecht
sich dann sogar eher noch in der hintersten Ecke ihres Geheges, und starrt einen von dort mit großen, angstvoll fragenden Augen
an. Und wenn sie ganz viel Panik bekommt, kann es auch mal sein, dass sie vorsichtig zuschnappt - einfach um sich zu schützen.
Zu den Pflegern baut sie zwar langsam aber sicher Vertrauen auf, aber in ihrer momentanen Umgebung hat sie kaum eine Chance, ihren
inneren Frieden wieder zu finden.
Ursula gehört zu den Hunden, deren Seele in einem Tierheimbetrieb langsam aber sicher verdorrt. Sie muss dringend in eine Umgebung,
in der ihre Sensibilität nicht ununterbrochen durch den Stress und das endlose Gebell von Hunden bis zum Zerreißen belastet
wird. Sie braucht Menschen um sich, die sie lieben und ihr über ihre Schüchternheit und Angst hinweg helfen. Menschen
mit Geduld und Einfühlungsvermögen, zu denen sie Vertrauen aufbauen kann, die ihr Sicherheit geben und ihr zeigen, dass
das Leben lebenswert ist. Menschen, die ihr die Liebe geben, die sie so dringend benötigt, um glücklich sein zu können.
Vermutlich stammt Ursula von einem English Setter ab. Außer der Sensibilität, die diesen Hunden eigen ist, hat sie auch
die Lauffreude, ihre Menschenbezogenheit und Intelligenz geerbt. Ursulas neue Familie sollte daher nicht nur viele Streicheleinheiten
für sie mitbringen, sondern auch aktiv sein und sie geistig fördern. Angsthunderfahrung wäre von Vorteil aber in Ursulas
Fall können auch Einfühlungsvermögen, Geduld, Zeit und viel Liebe helfen, wieder eine fröhliche und glückliche
kleine Hündin aus ihr zu machen.
Dezember 2011:
Claudia Jenner möchte Ursula den Tierheimalltag durch gelegentliche Paketüberraschungen etwas
verschönern.
Ursula wird das sehr zu schätzen wissen, lieben Dank vom ganzen Team adopTiere.
12. Januar 2013
In Deutschland angekommen
Ursula ist an Silvester in ihrer Pflegestelle in St. Augustin (Raum Köln-Bonn) eingetroffen. Sie lebt dort in einer Familie
gemeinsam mit ihrem neuen Hundefreund Lenny und fängt langsam an, zu begreifen, dass das Leben es nun besser mit ihr meint.
Zumindest ihren Hundefreund mag sie schon sehr.
Mittlerweile wurde sie auch vom Tierarzt angeschaut und auf Leishmaniose getestet - sie ist glücklicherweise kerngesund
Ihre Pflegemama berichtet, wie sie sich in der ersten Zeit entwickelt hat:
»Ursula ist noch sehr schüchtern uns Menschen gegenüber. Lenny mag sie dagegen sehr. Sie kann ohne Probleme ein paar
Stunden alleine bleiben. Ihre Verdauung läuft rund, es gab keine Malheurs hinsichtlich Stubenreinheit. Sie mag im Dunkeln nicht
gerne raus. Ansonsten traut sie sich auch mal ohne Lenny in den Garten, wenn sie wirklich "muss". Angstbeißen kennt sie
gar nicht, sie lässt alles mit sich machen, wenn man ruhig mit ihr umgeht.
Seit die Schule wieder angefangen hat und das Haus vormittags ruhig ist, ist Ursula etwas entspannter. Ich bin mit Lenny dann etwa zwei
Stunden abwesend. Wenn wir wiederkommen, winselt und fiept sie und freut sich über Lenny. Dieser wedelt eifrig und leckt ihr die
Schnauze, aber das war es leider auch schon. Mensch, der ich bin, würde ich es gern sehen, dass Lenny sich mehr um sie kümmerte.
Allerdings ist er sehr menschenbezogen - vielleicht ist das genau das richtige Vorbild für Ursula.
Lenny ist auch ein bisschen eifersüchtig und genießt die extra Schmuseeinheiten (Ohrenkneten, Nackenkratzen), die Ursula
regelmäßig heranlocken. Sie schnuppert dann ihn und mich ab. Wo Lenny ist, fühlt Ursula sich sicher. Ohne ihn hält
sie Abstand.
Ich füttere sie aus der Hand. Im Beisein von Lenny kommt sie heran. Ohne ihn weicht sie bis kurz vor einen der Ruheplätze
zurück und hält tapfer die Stellung, während ich mich klein mache und nur die fütternde Hand ausstrecke. Sie nimmt
dann das Futter zügig aber sanft ab und leckt mir noch die Hand sauber.
Wenn ich koche, sitzt Lenny bei mir im Küchenbereich, wohl hoffend, das mir etwas runter fällt. Ursula dreht dann ihre Runden
um den Esstisch, läuft sich den Stress ab. Alle zehn Minuten, also sehr oft, trinkt sie dann etwas.
Die Maus kennt das Zusammenleben mit Menschen überhaupt nicht. Sie ist aber mit Hunden sozialisiert und glaubt daher Lenny. Sie
vertraut ihm.
Ich kann Ursula nehmen, schön langsam, auf meinen Schoss setzen und streicheln (ich mache das einmal am Tag). Sie duldet es, aber
genießt es bisher nicht wirklich - sie ist verkrampft und schmatzt meist dabei. Ich lasse sie dann frei und sie hüpft vom
Sofa. Dann rufe ich Schmusebacke Lenny und knuddele ihn durch. Oft kommt Ursula zurück auf das Sofa und dann habe ich je einen
Hund rechts und links zum Durchkneten.
Tagsüber hat sie ihre "getriebenen" Phasen, in denen sie unruhig herumläuft. Sie kann aber auch ausgestreckt auf
der Seite liegen, die Augen schließen und seufzen. Nachts ist es etwas anderes. Ursula lag ab Tag zwei im Fußraum unserer
Kleinen und Lenny rückte hoch zwischen die Kopfkissen. Seit vier Tagen allerdings liegt Ursula bei mir im Beinbereich. Morgens
rutscht sie dann auch noch höher. Sie liegt eindeutig auf Körperkontakt. Nachts bin ich also schon ganz passabel! Morgens
lege ich immer einen Arm um ihren Rücken und streichele ein bisschen; manchmal leckt sie mir die Hand oder senkt seufzend den
Kopf.
Vor zwei Tagen habe ich ihren Verband mit einer abgerundeten Schere entfernt (Ursula hatte eine verletzte Kralle, als sie ankam). Das
war nicht einfach, weil sie dabei Hände, Verband und Pfote ableckte. Obwohl ich sie dazu aus ihrer "Höhle herauspulen"
musste. Alles in allem geht es schon sehr gut mit ihr, aber bis sie endgültig Vertrauen gefasst hat, wird noch ein Weilchen
vergehen.«
Ursula |
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Rasse | Setter(?)-Mix |
Geboren | 2007 |
Größe | 42 cm |
Kastriert | Ja. |
Krankheiten | Keine bekannt. Gechipt, geimpft, negativ auf Leishmaniose getestet. |
Behinderungen | Keine. |
Verträglich mit | Rüden, Hündinnen, Kindern. Katzen nicht bekannt. |
Ursula darf in ihrer Pflegestelle bleiben. Sie hat sich nach und nach dort so gut integriert, dass wir uns sehr über diese
Entwicklung freuen. So muss sie nicht mehr wechseln.
Alles Gute, sanfte Hundedame!
Vermittelt im September 2013